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Thomas Braun am 22.12.2014

BWMs kleines Geheimnis

Kommentare: 2

Braun, von Wyss & Müller gilt zu Recht als Pionier des Value-Investing in der Schweiz. Ganz am Anfang waren allerdings nicht alle Gründungspartner waschechte Value-Investoren - was sich aber schnell änderte. Dieser Text erschien auch in der Finanz und Wirtschaft vom 20.12.2014 unter der Rubrik "Meine Anlagephilosophie" - Denkanstösse für eine Dekade (Seite 27).

Als ich 1997 zusammen mit Georg von Wyss und Erich Müller Braun, von Wyss & Müller gründete, hatte ich bereits 15 Jahre Erfahrung im Geldanlegen. Aus dem Studium der Vergangenheit hatte ich gelernt, dass Aktien die beste Langfristanlage sind. Aus der Betreuung von Kunden wusste ich, dass der grösste Fehler beim Geldanlegen (und leider einer der häufigsten) darin besteht, nach starken Kursverlusten zu verkaufen. Der Wiedereinstieg zu tieferen Kursen gelingt in der Praxis kaum einmal, wodurch sich die langfriste Rendite massiv reduziert. Meine Lehrmeister hatten mir auch beigebracht, selbst für qualitativ gute Aktien nicht zu viel  zu bezahlen – noch besser aber weniger, als sie fundamental wert sind. Die Umsetzung dieser Grundsätze hatte zu guten Resultaten und entsprechendem Kundenvertrauen geführt, so dass wir damals das nötige Geld zusammenbrachten, um eine eigene Firma zu starten.

Und jetzt das kleine Geheimnis: Im Gegensatz zu Georg von Wyss war ich damals noch kein Value-Investor. Zwar war mir der Wert einer tiefen Bewertung schon damals bewusst. Doch ich wäre nicht auf die Idee gekommen, bei jeder Anlage einen derart hohen Abschlag zum inneren Wert zu verlangen, wie es ein richtiger Value-Investor tut. Zudem waren mir, der ich in einer Welt ohne Computer gross geworden war, die riesigen, sehr detaillierten Spreadsheets, die Georg standardmässig bei uns eingeführt hatte, etwas suspekt. Doch wer nicht lernfähig ist, endet wie die Dinosaurier.

Also studierte ich Benjamin Grahams „Intelligent Investor“, las die Geschäftsberichte von Warren Buffetts Berkshire Hathaway und nahm mir die wesentlichen akademischen Studien zum Thema „Value versus Growth“ vor. Dies überzeugte mich, dass der systematische Kauf fundamental stark unterbewerteter Gesellschaften nicht nur theoretisch Sinn macht, sondern langfristig auch in der Praxis zu überdurchschnittlichen Renditen führt. Auch gewöhnte ich mich daran, mit Spreadsheets umzugehen und meine Firmen detailliert zu modellieren.

Aber ich war noch nicht überzeugt, dass jeder Titel beim Kauf massiv unterbewertet sein muss – bis ich in unserem ersten Jahr auf die Westschweizer Firma LEM Holding stiess. LEM war schon damals Weltmarktführer im Messen elektrischer Ströme und hatte eine starke Wachstumsphase vor sich. Was ich erst beim Lesen des Kleingedruckten im Geschäftsbericht entdeckte und in Gesprächen mit dem Management richtig einordnen konnte, war eine Beteiligung am Genfer Industriepark, die von erheblichem Wert war. Zählte man diesen von der Börsenkapitalisierung ab, so zahlte man für die industriellen Aktivitäten gerade einmal 7x deren Gewinn des nächsten Jahres. Ich war begeistert und kaufte. Jedoch:  Der Abschlag zum inneren Wert war bei unserem ersten Kauf nicht wie von uns heute gefordert 40%, sondern nicht einmal 30%, was Georg mit einer gewissen Verstimmung monierte. Prompt gab die Aktie ein paar Monate nach dem Kauf nach und erreichte einen Abschlag von 40%. Da ich dank intensiven Studiums des Unternehmens von ihrem Wert überzeugt war, hielt ich an ihr fest. Wir stockten sogar die Position um mehr als das Doppelte auf. Kurz darauf stieg der Kurs massiv und erreichte den inneren Wert, worauf wir mit einem insgesamt ansehnlichen Gewinn verkauften konnten.

Diese Geschichte lehrte mich, beim Kauf auf einer genügend grossen Sicherheitsmarge zu bestehen, und so sind seither alle bei Braun, von Wyss & Müller überzeugte Value-Investoren.

–Thomas Braun

Kommentare: 2

  • Rico Lang am 29.12.2014 um 22:42

    1. Aktien nach massiven Kursverlusten halten geht leider nicht, wenn das Gesamtvermögen den persönlichen, kritischen Level erreicht oder bereits unterschritten hat.
    2. Ende 2014 suche ich guten Rat, ob ich jetzt verkaufen und Gewinne realisieren soll. Bei Fonds hoffe ich, das der Manager weise handelt, bei Aktien versuche ich selbst, einen guten Entscheid zu finden.

    • Thomas Braun am 30.12.2014 um 09:14

      Sehr geehrter Herr Lang

      Vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Natürlich darf es nicht vorkommen, dass Sie den finanziellen Verpflichtungen für Ihre lebensnotwendigen Ausgaben nicht mehr nachkommen können, nur weil Ihre Aktien gesunken sind. Auf jedem unserer Fondsberichte steht daher auf Seite 1 unter Anlageneigung: „Da bei Aktien Rückschläge von über 30% nie auszuschliessen sind, sollte der Anlagehorizont sieben Jahre oder mehr betragen, damit eine Erholung abgewartet werden kann.“ Mit anderen Worten: Sie sollten genügend liquide Mittel halten, um ihren kurzfristigen Mittelbedarf jederzeit gedeckt zu haben. Damit verhindern Sie, dass Sie im dümmsten Augenblick, also nach einem starken Kurseinbruch, Ihre Aktien verkaufen müssen.

      Dies ist eine einfache Faustregel, die das Problem der optimalen Anlagestrategie bzw. Aktien- und Ausgabequote zugegebenermassen nicht löst. Deshalb haben wir die Sockel-Überschuss-Methode entwickelt (http://www.bwm.ch/front_content.php?idcatart=51). Sie zeigt auf, wie viel Sie von Ihrem Vermögen jedes Jahr sicher konsumieren können und wie viel in Abhängigkeit von der aktuellen Börsenentwicklung. Mit der Methode wird sichergestellt, dass Ihnen das Geld nicht vorzeitig ausgeht und Sie dennoch möglichst viel von Ihrem Vermögen konsumieren können. In einem Blog-Beitrag haben wir zudem gezeigt, wie mit grossen unerwarteten Auslagen umzugehen ist (http://www.60rappen.ch/2014/01/23/grosse-unerwartete-auslagen-im-rahmen-der-sockel-ueberschuss-methode/).

      Dazu zwei Hinweise:
      1. Selbst die beste Anlagestrategie zwingt dazu, die Ausgaben dem Vermögen und den Einnahmen anzupassen.
      2. Falls Ihnen die Sockel-Überschuss-Methode zu aggressiv erscheint und Sie mit den kurzfristig oft grossen Schwankungen der Aktien nicht leben können, dann können Sie entweder den gewählten Anlagehorizont innerhalb der Sockel-Überschuss-Methode deutlich über das realistische Niveau hinaus verlängern, z.B. auf eine Lebenserwartung von 110 Jahre, oder Sie können ganz einfach zusätzlich eine „Eiserne Reserve“ an Cash halten, die Ihren Bedarf an liquiden Mitteln auf mehrere Jahre deckt.

      Damit ist auch Ihr zweiter Punkt beantwortet: Halten Sie jene Aktienquote, die den obigen Kriterien genügt und versuchen Sie sich nicht in Markt-Timing (http://www.60rappen.ch/2014/04/22/markt-timing-fuehrt-mehrheitlich-zu-tieferen-renditen-2/).

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