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Georg von Wyss am 30.10.2014

Das Agency-Problem, kleine Firmen und Regulierung

Kommentare: 2

Ein grosser Teil der neuesten Regulierungen fusst auf der Annahme, dass alle Finanzunternehmen Vertreterkonflikte (engl. „agency conflicts“) zu lösen haben – die unterschiedlichen Ziele ihrer Kunden, Besitzern und oft kurzfristig orientierten Managern. In kleinen Firmen wie der unsrigen ist das aber nicht der Fall. Ihnen werden unnötige und teure Lasten auferlegt.

Der direkte Anlass zum Schreiben dieses Artikels – eine kurzer Blick über wie saloppe Denkweisen zu schlechter Regulierung führen – ist die Anwesenheit unserer Revisoren in unserem Büro in Wilen. Wie Sie sich vielleicht erinnern, wurde unsere Firma, BWM AG, vor einem Jahr von der FINMA als Vermögensverwalter für die Classic Fonds zugelassen. So konnten wir das Portfoliomanagement von Liechtenstein in die Schweiz, wo auch unsere Analysten arbeiten, umziehen. Aufgabe der Revisoren ist nicht nur die Prüfung unserer Buchhaltung, sondern auch das Verfassen eines Berichts an die FINMA, dass wir nach wie vor den Vorschriften der Regulierung für KAG Vermögensverwalter entsprechen.

 

Unter anderem verlangt dieses Regelwerk je einen unabhängigen Risikomanager und Compliance Officer, die Trennung der Verantwortung für Portfoliomanagement von der für administrative Aufgaben und die Besetzung unseres Verwaltungsrats zu zwei Dritteln mit nicht in der Unternehmung operativ tätigen Personen. Zum Glück sind wir gross genug, diese Auflagen erfüllen zu können – zum Teil durch Auslagerung bestimmter Aufgaben. In Wirklichkeit machen sie uns aber das Leben schwerer, ohne weder die Fonds für unsere Kunden sicherer zu machen noch die Rendite zu verbessern. Wir mussten Trennungen und administrative Stellen schaffen, die es vorher nicht gab. Aus einfachen Lösungen wurden komplizierte, und wir verwenden mehr Zeit damit, sie für unsere Revisoren und Regulierer zu dokumentieren.

 

Für grosse Banken und Vermögensverwaltungen die im Besitz von anonymen Aktionariaten sind, mögen solche Strukturen und Abläufe passend sein. Diese Organisationen sind von dem betroffen, was Wirtschaftswissenschaftler das Agency-Problem nennen – vor allem die Interessen der Besitzer sind nicht zwingend im Einklang mit denen der Managements dieser Firmen. Während die Aktionäre an der langfristigen Maximierung des Unternehmensgewinns interessiert sind, konzentrieren sich ihre angestellten Manager – Portfoliomanager, Analysten und deren Chefs – vermutlich eher auf ihren Bonus und ihre Karriere. In diesen Fällen werden zum Beispiel Compliance Officer eingestellt, um Insidergeschäfte zu verhindern, oder Risikomanager, um Portfoliomanager, die einen grösseren Bonus verdienen wollen, von übertriebenen Risiken abzuhalten. (Die reine Grösse dieser Firmen macht es sehr wahrscheinlich, dass auch die eine oder andere nicht ganz so vertrauenswürdige Person dort angestellt ist). Des Weiteren sollen unabhängige Verwaltungsräte sicherstellen, dass das Management im Interesse seiner Aktionäre handelt.

 

Potentiell besteht auch ein Interessenskonflikt zwischen Investoren und Fondsgesellschaften. Darum hat man sich aber schon vor langer Zeit bei der Einführung von Publikumsfonds gekümmert. Vor allem der Fondsprospekt definiert eindeutig, was einem Fonds erlaubt ist und wieviel Geld er dafür belasten darf. In Europa werden die Fondsvermögen auch bei einer Bank verwahrt, so dass die Manager der Fondsgesellschaft keinen Zugriff auf das Geld haben und es nicht stehlen (Madoff) oder andere illegalen Dinge anstellen können. Die Revisionsstelle garantiert eine korrekte Bewertung. Für uns bei Braun, von Wyss & Müller kommt hinzu, dass wir unsere eigenen Vermögen nahezu vollständig in unseren Fonds investiert haben. Damit sind unsere Interessen fast perfekt auf einer Linie mit denen unserer Kunden. Das ist ein besserer Schutz als ihn irgendein Gesetz bieten kann.

 

Auf uns angewandt können wir zu den Vetreterkonflikten zwischen Eigentümern und Mitarbeitern sagen: es gibt sie einfach nicht. Die Aktionäre der BWM AG (Thomas Braun, Erich Müller und ich selbst) sind zugleich aktiv im Geschäft (Erich Müller bei Classic Fund Management). Für uns stellt sich die Frage nach übertriebenen kurzfristigen Risiken oder anderen gefährlichen Aktionen einfach nicht, da sie unseren Lebensunterhalt gefährden würden.

 

Sodann ist die Annahme, dass Strukturen, die für Grosskonzerne vernünftig sind, auch zu kleinen Firmen passen, schlicht und ergreifend falsch. Wir können nur darüber spekulieren, warum aber genau das zur Grundlage (oder zum Fundament) der regulatorischen Praxis geworden ist. Ein Grund ist mit Sicherheit, dass Gesetzgeber und Regulierer, um Komplexität zu vermeiden, lieber nur ein Regulierungsmodell benutzen. Aber sie glauben wohl auch, aus Unwissenheit über die tatsächlichen Gegebenheiten bei kleinen Firmen, das Richtige zu tun,.

 

Der gleichen Denkweise begegneten wir auch in einer anderen Situation, als wir durch den Regulierer ermahnt wurden, wir hätten keinen Geschäftsführer benannt. Nun ja, haben wir gesagt, es gibt keinen und vom Gesetz wird auch keiner verlangt. Irgendwie muss jemand die Vorstellung in den Kopf bekommen haben, dass jede Organisation einen Chef haben muss – vermutlich weil eindeutige Zuständigkeiten und Hierarchien zu besseren Entscheidungen führen sollen. In einigen Fällen mag das so sein, in anderen aber nicht. Die Partnerschaft war jahrhundertelang das typische Merkmal der schweizer Privatbanken und ist noch heute die übliche Struktur für kleine Vermögensverwaltungen. Namentlich haben Thomas, Erich und ich als Dreierteam ein Geschäft aufgebaut, das in den Augen von Revisoren, Anwälten und Regulierern zu den bestgeführten der Industrie gehört.

 

Während in der Schweiz über eine Reihe von neuen Finanzmarktgesetzen diskutiert wird, hoffen wir, dass sich Gesetzgeber und Regulierer sorgfältig Gedanken über die hinter ihren Ideen stehenden Annahmen und Voraussetzungen machen. Jedes Gesetz und jede Regulierung sind ein Abbild der Normen und Werte einer Gesellschaft. Sorgen wir dafür, dass umsichtige Analyse und gesunder Menschenverstand wieder zu diesen Werten gehören.

 

–Georg von Wyss

Kommentare: 2

  • Arthur Pichler am 30.10.2014 um 10:58

    Ich möchte Ihnen da Recht geben. Jede „Überregulierung“ zum vermeintlichen Schutze des Kunden, führt schrittweise zu dessen Entmündigung.

    Gerade im Fondsgeschäft regelt der Erfolg die Zufriedenheit des Kunden. Das Schablonendenken des Gesetzgebers verkompliziert, währendem es Innovatives Denken und Handeln erschwert.

    Als langfristiger Investor, sowie langfristiger zufriedener Kunde des BWM Classic Fund Management, nütze ich diese Gelegenheit, um dem ganzen Team für Ihre mehrwertschaffende Arbeit meinen Dank auszusprechen.

    • Georg von Wyss am 30.10.2014 um 15:30

      Sehr geehrter Herr Pichler
      Herzlichen Dank für den Kommentar und die netten Worte.
      Wir sind auch der Meinung, dass der Kunde nicht entmündigt werden darf und dass das eine akute Gefahr ist. Besondere Sorge macht uns die Möglichkeit, dass Banken unter dem Deckmantel des regulatorisch geforderten „Kundenschutzes“ den Kunden Zugang zu unabhängigen Produkten wie unseren verwehren könnten. Da werden wir und Sie als Kunde wachsam bleiben müssen.
      –Georg von Wyss

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