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Georg von Wyss am 25.06.2013

Prognostiziert der Reale Vermögensindex, RVI, die Börsenzukunft?

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Im Rahmen der Studie zur Sockel-Überschuss-Methode haben wir den RVI entwickelt, welcher auf den ersten Blick ein Börsenindikator für die nähere Zukunft sein könnte. Effektiv ist er das nicht. Aber seine Aussagekraft ist sehr gross für Anleger mit einem langen Anlagehorizont.

 

Seit der Publikation unserer Studie zur optimalen Strategie für den Verbrauch des Vermögens (Mit Aktien langfristig Vermögen bilden und nutzen: Die Sockel-Überschuss-Methode) haben uns mehrere Leute gefragt, ob der Reale Vermögensindex, RVI, auch etwas über die Börsenbewegungen der näheren Zukunft aussagt. Der RVI ist ein Indikator zum Stand des Weltaktien-Index in CHF  im Verhältnis zu seinem langfristigen Trend. Auch wir stellten uns natürlich diese Frage. Die Antwort war leider –wenn auch nicht ganz überraschend – Nein. Der RVI sagt viel über die langfristige Zukunft und ist für die Bestimmung des „Sockelsatz“ unabdingbar, aber er sagt wenig über das, was uns in den nächsten Monaten und Jahren erwartet.

Dafür gibt es vermutlich zwei Gründe. Erstens sind kurzfristige Börsenbewegungen von Natur aus nicht prognostizierbar – wenigstens unserer Meinung nach. Zweitens denken wir, dass ein kurzfristiges Prognoseinstrument – wenn es denn doch funktionieren sollte – auf die neusten Entwicklungen speziell Bezug nehmen müsste. Der RVI vergleicht jedoch das aktuelle Börsenniveau mit den Niveaus der letzten 20 Jahre in Jahresabständen. Das ist kein feinmaschiges Netz, das die aktuelle Situation einfangen kann.*

Dass der RVI über kurze Zeiträume keine Prognosekraft hat, wohl aber über lange, geht aus den nachfolgenden Grafiken eindrücklich hervor. Auf den horizontalen Achsen befinden sich alle Jahresend-RVIs ab 1919 bis 2012 und auf den vertikalen Achsen der Durchschnitt der Index-Niveaus über die folgenden Jahre der gezeigten Periode relativ zum Ausgangspunkt. Zum Beispiel zeigt in der zweiten Grafik, welche fünfjährige Perioden darstellt, der Punkt rechts aussen (X: 5, Y: -9%) das Ende des Jahres 1961. Der Index notierte zu diesem Zeitpunkt bei 3’083 Punkten. Er endete die fünf folgenden Jahre bei 2’668, 2’836, 2’975, 3’018 und 2’600, was einen Durschnitt von 2’820 ergibt, also rund 9% weniger als die 3’083 Punkten.

Diese Statistik, welche die Indexstände über den Verlauf einer Periode misst, ist übrigens für jemand, der jedes Jahr etwas aus seinem Vermögen beziehen will, viel relevanter als die herkömmliche Performancemessung, die nur End- mit Anfangspunkten vergleicht. Beide Methoden führen allerdings zu denselben Konklusionen.

Anlagehorizont 1 Jahr:

Die Datenpunkte präsentieren sich als Wolke. Bei RVIs zwischen 1 und 3 kann man entweder im folgenden Jahr bis zu 40% verlieren oder sogar mehr als das gewinnen. Auch bei hohen RVIs kann man oft noch Gewinne erzielen.

Anlagehorizont 5 Jahre:

Bei einem fünfjährigen Anlagehorizont kommt bereits ein wenig Ordnung ins Chaos. Das Chancen-Risiken-Profil ist bei tieferen RVIs eindeutig positiv. Sehr grosse Gewinne sind möglich, was bei hohen RVIs nicht der Fall ist. Bei RVIs über 4 gibt es nur noch kleine Anstiege. Verlustperioden bleiben aber ein Risiko in allen RVIs über 1.5.

Anlagehorizont 20 Jahre:

Springen wir nun zu den 20-jährigen Perioden. Aus der Wolke ist nun eine Banane geworden – zugegebenermassen eine etwas unförmige, aber man kann durchaus gewisse Gesetzmässigkeiten herauslesen. Erstens gab es unter den wenigen Perioden mit RVIs über 4 keine mehr mit nennenswerten Gewinnen – im besten Fall betrugen sie im Verlauf der 20 Jahre nach Bestimmung durchschnittlich und inflationsbereinigt 10%. Das ist wenig im Vergleich zu den Kursanstiegen bei tieferen RVIs. In vielen Fällen mit RVIs um 1 ist die Börse im durchschnittlichen Jahr 200 bis 400% höher gelegen als zum Startzeitpunkt. Wichtig ist, dass der untere Rand der Banane, wo sich die unrentabelsten Fälle befinden, jetzt eine relativ saubere Kurve ergibt, die sich so verhält, wie die Theorie es vorsieht. Die Sockelsätze, welche zur Berechnung des Mindestkonsums unserer Sockel-Überschuss-Methode verwenden, sind nach diesen Punkten kalibriert, damit einem während der gesamten Verbrauchsphase das Geld nicht frühzeitig ausgeht.

Anlagehorizont 30 Jahre:

Bei einem 30-jährigen Anlagehorizont hat sich die Banane noch klarer herausgebildet. Der untere Rand ist nun recht glatt. Zudem haben die Anleger in sämtlichen Perioden im Durchschnitt Geld verdient. Selbst jene, die zu Zeiten hoher RVIs in Pension gegangen sind, erlebten im Durchschnitt der Periode Börsenniveaus über den Anfangswerten, auch wenn die Gewinne klein waren. Anleger, die in Zeiten mit tiefen RVIs in Pension gegangen sind,  konnten hingegen mit grossen Kursanstiegen rechnen.

Diese Grafiken belegen zwar, dass der RVI nicht der Heilige Gral der Spekulanten ist, aber sie zeigen auch eindrücklich, dass der Indikator die langfristige „Mean Reversion“-Tendenz der Börse bestens reflektiert. Anleger, die einen wirklich langen Anlagehorizont habenhaben (in Anbetracht der hohen Lebenserwartungen heutzutage sollten die meisten Leser zu dieser Gruppe zählen), können sich somit auf diese Tendenz verlassen und sie ausnutzen. Daher raten wir stets aufs Neue, nicht auf die nähere Zukunft zu fokussieren, sondern konsequent die langfristigen Ziele der Vermögensbildung bzw. des -verzehrs vor Auge zu halten.

Da der aktuelle RVI von rund 1.4 auf bessere Zeiten in den nächsten 20+ Jahren hinweist, sollte man nicht Aktien meiden, sondern die allfälligen Korrekturen in Ruhe aussitzen.

Wenn Ihnen einige Begriffe und Konzepte dieses Eintrags unklar sind, so lesen Sie doch bitte unsere Studie zur Sockel-Überschuss-Methode, wo sie gründlich erklärt sind.

–Georg von Wyss

*Die Formel des RVI ist:

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