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Georg von Wyss am 24.05.2013

Soll man jetzt aussteigen, weil die Märkte stark gestiegen sind?

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Nach dem starken Kursanstieg der letzten Monate fragen sich viele Anleger, ob die Aktienmärkte nun vor einer grossen Korrektur stehen und sie ihre Aktien verkaufen sollen. Ist die Gefahr einer Korrektur wirklich so gross geworden, oder ist es nicht gefährlicher, jetzt Aktien zu verkaufen?

 

Die Aktienmärkte sind seit letztem Sommer – abgesehen von einigen Verschnaufpausen – unablässig gestiegen. Einige Börsen wie jene der USA oder Deutschlands  haben dadurch den schweren Einbruch vom Sommer 2007 bis Frühjahr 2009 vollständig kompensiert. Heisst dies, dass die Aktienmärkte überhitzt sind und eine grosse Korrektur wie vor sechs Jahren bevorsteht?

Grundsätzlich gilt Folgendes: das Erreichen eines neuen Höchst kann an sich kein Entscheidungskriterium sein,  weil der Markt über die Zeit nach oben tendiert und somit immer wieder neue Höchststände machen muss.

Wenn man beurteilen will, ob der Markt „zu hoch“ ist oder nicht, dann muss man das auf Basis der Bewertungen der Aktien tun. Hier gehen die Meinungen von Marktbeobachtern (wie so oft) auseinander. Wir verfolgen einige Hundert Firmen in Europa und den USA mehr oder weniger eng und sehen, dass der grosse Teil davon etwa fair bewertet ist. Seit der Publikation des letzten Quartalsberichts haben wieder einige Titel im Portfolio den inneren Wert erreicht oder sich ihm stark angenähert. Unsere Value-Disziplin zwingt uns, solche Positionen zu verkaufen bzw. abzubauen, falls sie im Portfolio zu gross geworden sind. Obwohl wir nach wie vor interessante Investitionsgelegenheiten finden, könnte es sein, dass wir das Geld aus den Verkäufen nicht vollumfänglich in neue Ideen werden investieren können, wie das in den letzten fünf Jahren relativ einfach machbar gewesen ist.

Ist das ein Warnsignal? Eigentlich nicht – unsere Cash-Bestände beliefen sich in der Vergangenheit oft auf rund 10-15% des Portfolios und die Performance war trotzdem befriedigend, z.B. in der Periode 1999-2001 oder 2004-2006. Obwohl es schwieriger geworden ist, stark unterbewertete Aktien von Firmen mit hoher Qualität zu finden – d.h. mit guten Geschäftsmodellen und Bilanzen –, ist es immer noch möglich: Wir werden in unseren Halbjahresberichten 2013 neue Titel vorstellen können. Damit können wir ein ansprechendes Kurspotential der Fonds erhalten.

In der Vergangenheit ging einem Börsencrash fast immer eine grosse Euphorie voraus, bei der die Zukunft in den hellsten Farben gesehen wurde. Davon ist momentan nichts zu spüren. Im Gegenteil: Der Absturz vor fünf Jahren sitzt noch tief in den Knochen. Die Anleger haben sich aus Angst vor erneuten Problemen mit dem Euro, der hohen Staatsverschuldung, der Wachstumsschwäche in Europa und so weiter vorsichtig positioniert und halten oft hohe Bargeldbestände.

Genau das ist ein wesentlicher Grund, warum negative Entwicklungen die Märkte weit weniger belasten würden als in der Vergangenheit – die Probleme sind schon lange bekannt und in den Kursen zum Teil bereits eskomptiert. Zudem stehen die Zentralbanken bereit, den Märkten mit unbegrenzten Geldspritzen zu helfen, sollte der momentan akuteste Gefahrenfall, eine Verschärfung der Eurokrise, eintreten. Aufgrund des allgemeinen Pessimismus werden Überraschungen tendenziell positiver Natur sein. Entsprechend sind viele unserer zyklischen Titel unterbewertet: Wenn die Wirtschaft wieder besser wächst, werden ihre Gewinne die allgemeinen Erwartungen stark übertreffen.

Klar ist, dass Aktien im Vergleich zur zweiten grossen Anlagekategorie, den Obligationen, so attraktiv sind wie schon lange nicht mehr. Oft liegen bereits die Dividendenrenditen über jenen für Anleihen, und erst Recht die Gewinnrenditen (Gewinn je Aktie/Kurs). Zudem drohen bei Immobilien sowie Obligationen mit mittleren und langen Laufzeiten hohe Kursverluste, wenn eine Zinswende eintritt, was früher oder später der Fall sein wird. Zu guter Letzt würden Festverzinsliche im Falle einer grösseren Inflation stärker leiden als Aktien mit ihrem Realwertcharakter.

Sparhefte und Geldmarktanlagen haben zwar ein kleineres Verlustpotential, dafür ist der Verlust garantiert: nach Abzug von Inflation, Steuern und Bankspesen weisen sie schon heute eine negative Rendite auf und erlauben somit nicht einmal den realen Werterhalt.

Aus den oben erwähnten Gründen glauben wir, dass eine grosse Korrektur der Aktienmärkte wenig wahrscheinlich ist. Ein vorübergehender Ausstieg wäre daher a priori eine Wette mit schlechten Erfolgschancen. Es wäre auch schwierig, eine solche erfolgreich umzusetzen. Man kann im Voraus nicht wissen, ob man zu tieferen Kursen wieder wird einsteigen können. Wenn sich die eigene Prognose als falsch erweist, steht man am Ende schlechter da, als wenn man eine Weile lang Papierverluste erduldet. Für langfristige Investoren ist es wenig sinnvoll, dieses aktuell recht grosse Risiko einzugehen, da sie die Zeit haben, eine Korrektur auszusitzen, sollte eine doch eintreten.

–Thomas Braun und Georg von Wyss

P.S. Noch ein Wort zu unseren Prognosen: seit einigen Jahren sind wir sehr optimistisch für Aktien (siehe z.B. den Post Aktien sind 35% unter ihrem Hoch – historisch ein Kaufsignal vom Sommer 2012). Wir sind aber durchaus in der Lage, ein verschlechtertes Börsenumfeld zu erkennen. Ende 2006 bis Mitte 2007 warnten wir von der Euphorie, die an den Märkten herrschte. Leider machten wir dann Fehler in der Firmenanalyse, was einen Teil der grossen Verluste erklärt. Entsprechend haben wir unsere Research-Prozesse angepasst.

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