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Georg von Wyss am 20.08.2012

Aktien sind 35% unter ihrem Hoch – historisch ein Kaufsignal

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Immer wenn die Aktien der Welt in CHF real 35% unter ihrem Höchsstand notierten, waren sie für geduldige Anleger ein Kauf. Jetzt ist die Bedingung wieder erfüllt.

Wir arbeiten gerade an einer grösseren Studie über Anlagerenditen aus Sicht des Schweizerfranken Privatanlegers. Dafür nutzen wir die „Global Returns Data“-Datenbank der renommierten Finanzmarktforscher Dimson, Marsh und Staunton von der London Business School. Die Datenbank enthält die Renditen aller bedeutenden Aktien- und Obligationen-Börsen sowie die Inflationsraten und Wechselkurse dieser Länder gegenüber dem Dollar seit 1900. Aus den Länderrenditen konstruieren die Experten überdies einen Aktien- und Bondindex für globale Anleger.

Um Aussagen über die langfristigen Renditen von Wertpapieren zu machen, muss man meistens die publizierten, d.h. die nominellen, Renditen, um die Veränderung der Wechselkurse sowie den Effekt der Teuerung bereinigen. Ein Frankeninvestor hat nichts gewonnen, wenn seine amerikanischen Aktien in Dollar um 10% gestiegen sind und gleichzeitig der Dollar 10% an Wert gegenüber dem Franken verloren hat. Mit der Inflation verhält es sich ähnlich: die Kaufkraft des Anlegers ist nicht gestiegen, wenn ein Wertzuwachs von 10% in Franken mit 10% Inflation einherging. Über mehrere Jahre können Inflation und Wechselkurse die Renditen stark beeinflussen. Zum Beispiel lag 1982 der DMS-Index der Weltaktien nominal in Franken 69% höher als Ende 1971, obwohl er real unverändert  war (siehe Grafik). Alle Zahlen im Folgenden sind deshalb real in Franken ausgedrückt, d.h. um Wechselkurs und Inflation bereinigt.

Bei unserer Analyse ist uns folgende Gesetzmässigkeit aufgefallen:

Notierten die Aktien der Welt Ende eines Jahres real 35% unter ihrem letzten Jahresendhoch (alle Renditen basieren auf Jahresendkursen), dann haben Franken-Anleger/innen, die zu diesen Kursen kauften, spätestens nach neun Jahren auch nach Abzug der Inflation immer einen Gewinn erzielt. Nach zehn Jahren war dieser meistens sogar hoch bis sehr hoch (siehe Tabelle). Innerhalb dieses Zeitraums sind die Aktien in Lokalwährung gestiegen, und der Franken hat sich manchmal auch noch abgeschwächt.

Selbstverständlich sind die neun Jahre ohne Gewinn im schlechtesten dieser Fälle (Kauf Ende 1973) eine lange Zeit, und die Rendite im zehnten Jahr liegt erst noch mit 42%, bzw. 3.6% per annum, unter dem langfristigen Mittel der Aktienrenditen von 4.4% p.a. In den anderen Jahren lag sie jedoch viel höher, und die Gewinnzone wurde in kürzerer Zeit erreicht. Die Strategie hat viel rentiert.

Selbst wenn man nicht lange auf den Gewinn warten muss, kostet diese 35%-Strategie Nerven, denn sie zwingt dazu, gegen die Intuition während gravierenden Krisen zu kaufen, wenn die allgemeine Stimmung pessimistisch ist:

  • Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als eine gewaltige Inflation alle Länder erfasste und die Finanzmärkte belastete,
  • in den frühen 1930er-Jahren inmitten der Depression,
  • am Ende des zweiten Weltkriegs, als die Inflation im Ausland erneut wütete,
  • von den 1970er- bis in die frühen 1980er-Jahre wegen der zwei Ölschocks (wieder Inflation) und dem Ende des Bretton Woods-Währungssystems 1990,
  • als der Irak in Kuwait einmarschierte,
  • und wieder jetzt in der Subprime/Euro- und Schuldenkrise.

Weil das Wirtschaftssystem und die Politik sich diesen Umständen anpassen konnten, sind die Unternehmen und somit die Börsen früher oder später wieder auf ihre langfristigen Wachstumspfade zurück gekehrt. Mut und Geduld wurden belohnt. Anleger, die 1973 zum ersten Mal kauften und dieser 35%-Regel folgend bis und mit 1981 jedes Jahr weitere Käufe in der gleichen Höhe (real) machten, haben bereits schon 1985 eine sehr schöne reale Rendite von durchschnittlich 164% auf die gesamte investierte Summe erzielt. Der Grund dafür ist, dass sie dank dieser Disziplin auch in Jahren mit besonders tiefen Kursen kauften, zum Beispiel 1974.

Die 35%-Regel lässt sich im Moment bestens anwenden. Die Weltbörsen schliessen seit vier Jahren wieder 35% unter dem Hoch von Ende 1999, obwohl sie seit Ende 2011 um rund 8.5% gestiegen sind. Der Morgan Stanley Capital International Index, der bei USD 1’225 notiert, dürfte auf USD 1’650 steigen, bevor diese Bedingung nicht mehr erfüllt ist. Wenn man zudem die überaus pessimistische Stimmung der Investoren, die tiefen Bewertungen von Aktien, die Stärke des Frankens und die bereits lange Dauer der Krise bedenkt, dann ist es für Langfristanleger jetzt Zeit, Aktien zu kaufen.

–Georg von Wyss

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